| Jutta Voss | Psychologische Psychotherapeutin | Psychoanalytikerin (C.G. Jung) | Theologin |   
| Jutta Voss | Psychologische Psychotherapeutin | Psychoanalytikerin (C.G. Jung) | Theologin |   
> Vita |   
> Die Autorin |   
> Publikationen |   
> Kontakt/Impressum |   
> Sonderveranstaltungen |   
> Aktuelle Presseberichte |   
> Links für Frauen |   
 
 

Die Autorin

Im Februar 2006 hat der Kreuz-Verlag in seiner kritischen Reihe "Kreuz Forum" "Das Schwarzmondtabu" neu aufgelegt. Das Buch enthält den originalen Text der Erstauflage von 1988 und wurde nur nach den neuen Rechtschreibregeln korrigiert. Jutta Voss hat zur Neuauflage ein Vorwort über die Wirkungsgeschichte dieses Buches geschrieben, das von 1990 bis 1993 zu dem einmaligen Vorgang eines Lehrzuchtverfahrens innerhalb einer evangelischen Landeskirche gegen eine Pfarrerin geführt hat, was die Exordination zur Folge hatte.


Vorwort zur Neuauflage 2006
Als dieses Buch über weibliche Mythen und Symbole vor 18 Jahren zum ersten Mal erschien, ahnte niemand, welch eine Wirkung davon ausgehen würde. Es war ein "richtiges" Buch mit einem wunderschönen roten Leineneinband und einem weißen Umschlag mit dem uralten heiligen Symbol der schwarzen liegenden Mondschale und dem roten Blutstropfen darunter. Ich freute mich darüber wie ein Kind, dass mein jahrelanges einsames Suchen, Sammeln, Forschen, Hinterfragen nun Schwarz auf Weiß mit rotem Umschlag vor mir lag. Von der Macht dieser Symbole bin ich immer noch ergriffen. Ich war stolz auf meine eigenwilligen Gedankengänge und wollte meine ganze Leidenschaft für diese neu interpretierte weibliche Identität in einen Dialog mit der männlich interpretierten Theologie einbringen. Ich dachte allen Ernstes, dass ich mit meiner engagierten Forschung die Theologie und die Feministische Theologie bereichern würde. Welch ein Irrtum. Blauäugig war ich.

Zwei Jahre nach Erscheinen des Buches eröffnete die evangelische Landeskirche in Württemberg ein Lehrzuchtverfahren gegen mich wegen Ketzerei. Niemand wusste bis dahin, dass es auch in der evangelischen Kirche eine Lehrzuchtordnung gibt, die auf Gesetzen von 1910 basiert. Der Lehrzuchtprozess dauerte von 1990 bis 1993. Es war eine Höllenfahrt, danach war in meinem Leben nichts mehr wie zuvor. Ich hatte die sicheren "Fleischtöpfe Ägyptens" verlassen und war durch das Rote Meer gegangen, voller Angst, dass die Wassermassen doch noch über mir zusammenbrechen. Und danach die Wüste, die ich nicht freiwillig gesucht hatte. Ich musste nach innen horchen und gehorchen, musste Oasen finden und eine Vision entwickeln, um überleben zu können. Ich habe nach innen gehorcht, aber nicht nach außen. Ich habe mein Denken über weibliche Formen von Religiosität nicht widerrufen, und ich habe mich nicht für ein Beamtengehalt gebeugt. Wie vor mir Frauen auf den Scheiterhaufen, so wurde auch ich jetzt einfach "gefeuert". Die Kirche des "liebenden Gottvaters" hat mich erbarmungslos in die soziale und finanzielle Wüste gejagt. Aber genau das hat meine Suche nach tragenden weiblichen Symbolen und psychisch gesunder Religiosität noch mehr intensiviert.

Kirchen haben keine Religion, sondern eine Konfession. Religion ist die Rückbindung an den eigenen, in der Tiefe der Seele vorhandenen und in jeder Krise tragenden Selbstwert. Da dieser unsichtbar ist, äußert er sich in symbolischen Bildern und Träumen, die auf der ganzen Welt als kult- und kulturprägende mythische Geschichten erzählt und aufgeschrieben wurden. Konfession ist dagegen das Bekenntnis zu einem von Menschen hergestellten Glaubensinhalt, den Kirchenmänner, den Machtinteressen von Männern entsprechend dogmatisch, d.h. als unhinterfragbar und als einzig gültige Wahrheit von Anfang der Welt her, festgelegt haben. Das gilt es zu glauben, egal, ob Erfahrungen und Wissen das Gegenteil aufzeigen. Die Dogmatisierung eines absoluten Wahrheitsanspruchs ist aber nur ein patriarchales Herrschaftsinstrument, mehr nicht. Monotheismus ist Diktatur. Das Lehrzuchtverfahren hat es wie in einem Brennglas sichtbar gemacht. Auf kritische Rückfragen antwortete die Kirchenleitung, dass die Kirche "vordemokratisch" sei. Aber eine monotheistische Kirche ist gar nicht in der Lage, sich demokratisch zu entwickeln, es sei denn, sie gäbe ihren Anspruch auf Monotheismus auf. Dann würde sie sich aber selbst den Ast absägen, auf dem ihre konfessionelle und politische Macht bis heute ruht. Erst Jahre später erkannte ich, dass mein Denken diese patriarchale Substanz in den Grundfesten erschüttert hatte. Jetzt verstand ich die banale Logik, warum ich gefeuert werden musste.

Zusätzlich hatte ich das zentrale Mysterium der Konfession in Frage gestellt. Im kirchlichen Wandlungsmysterium wird das Blut eines von Männern getöteten Mannes gefeiert, das ewiges Leben im Jenseits schenken und von Erbsünde erlösen soll. Dieses Dogma ist eine abstrakte Gedankenkonstruktion, bar jeglicher erfahrbaren Realität. Tatsache ist, dass das echte Wandlungsmysterium des Blutes im Uterus der Frau geschieht, ohne zu töten. Der weibliche Zyklus ist die Basis jeden menschlichen Lebens und Garantie für ewiges menschliches Leben auf dieser Erde. Tatsache ist, dass die ewige zyklische Regeneration die Grundordnung der gesamten Schöpfung ist. Das echte Wandlungsmysterium, die zyklische Dynamik des gesamten Kosmos, wurde in den eleusinischen Mysterien von 2500 v.Z. bis 500 n.Z. gefeiert. Mit Beginn der christlichen Dogmatisierung des Männlichen als höchstem Wert im Himmel und auf Erden wurde die Hochreligion von Eleusis als Ketzerei durch christliche Gesetzesgewalt erledigt. Wie damals so heute.

Als psychoanalytische Traumdeuterin hatte ich aber nur ein mythologisches Buch über psychische Wandlungen geschrieben. Mythen beschreiben keine Göttergeschichten, sondern archetypische Prozesse seelischer Entwicklung. Da diese unsichtbar ablaufen, werden sie in mythischen Symbolgeschichten dargestellt und "an den Himmel" projiziert. Die Mythen der Bibel gibt es weltweit in vielen Variationen, die Bibel ist keine Besonderheit. Wenn wir alle entsetzlichen König-Krieg-Gewalt-Geschichten aus der Bibel streichen, bleiben einige wunderbare hebräische Mythen übrig, z. B. der Gang durch das Rote Meer und der Kampf des Jakob am Jabbok. Sie beschreiben genauso wie ägyptische, assyrische, griechische und keltische Göttermythen psychische Wandlung, nicht mehr und nicht weniger. Wenn der Selbstwert, der sich durch Wandlungen entwickelt, noch unbewusst ist, wird er in Gottesbildern nach außen projiziert (wörtlich: hinausgeworfen). Dieser angeborene Mechanismus der Projektion ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns überhaupt zu seelischen Inhalten in Beziehung setzen können. Um psychisch erwachsen zu werden, müssen wir diese Projektionsinhalte zurückzunehmen und in die Persönlichkeit integrieren, damit sie uns als eigene seelische Potenziale bewusst und erfahrbar werden. Ein weiblicher Selbstwert kann aber niemals als männliches Gottesbild projiziert werden. Das ist eine psychische Tatsache. Frauen und Männer sind religiös erwachsen, wenn sie die Bilder des Göttlichen als Projektionen wahrnehmen, zurücknehmen und nicht mehr projizieren. Erwachsene leben ohne Gott, dafür aber mit einer integrierten "göttlichen" Ethik, die menschliche Verantwortung für die Welt übernimmt.

Mythen sind seelische Tatsachen und kein historischen. Das religiöse Bedürfnis ist eine psychische Realität. Konfession ist eine historische Entwicklung. Glaubensbekenntnisse müssen geglaubt werden, religiöse Wandlungen dagegen werden erfahren. Das ist der grundlegende Unterschied! Als Analytikerin, die sich um die Gesundung der Psyche bemüht, muss ich diagnostisch klar sagen, dass Konfession abhängig und psychisch krank macht. Sie kränkt die Seele, denn sie zwingt zum Verrat am Selbstwert. Damit spreche ich den Kirchen die Notwendigkeit ihrer Existenz für erwachsene Menschen ab, die keine "Kinder Gottes" mehr sein wollen. Die Zeit ist reif, religiös erwachsen zu werden.

Ich widerstehe, also bin ich. Diese Identität basiert auf der inneren Freiheit, den Selbstwert nicht zu verraten. Widerstand lehrt die Selbsttreue, das Aushalten von Einsamkeit und Verlusten, das Scheitern ohne Bitterkeit, die religiöse Tragfähigkeit der weiblichen Symbole und das verantwortliche Handeln. Ich habe erfahren, dass Einsamkeit eine religiöse Dimension ist, in der nur noch das Vertrauen in die selbst erfahrenen psychischen Wandlungen trägt. Erst nachdem Jakob am Jabbok in dem einsamen nächtlichem Kampf mit dem schwarzen Engel standgehalten hatte, ging ihm die Sonne auf und er hinkte an seiner Hüfte. Niemand übersteht diesen Kampf unversehrt. Aber Jakob bekam auch einen neuen Namen, eine neue Identität und eine neue Vision. Um Widerstand auszuhalten, braucht es eine Vision.

Ich habe eine Vision, dass psychisch erwachsene Frauen und Männer geschwisterlich und im Frieden mit der Schöpfung leben, ohne Gottesprojektionen und Herrschaftsansprüche.

Rangendingen, Januar 2006   Jutta Voss